zum Inhalt

25. November 2006

Die Abenteuerliche Wortsuche (Teil 5)

Es wird glaube ich Zeit, dass Farin wieder Konzerte gibt…

(Was bisher geschah: Äh, sorry: ich hab den Faden verloren…)

Ein Mann geht die Straße hinunter. Er ist sich der Tatsache nicht bewußt, daß sich vielleicht ja in Wirklichkeit die Straße unter ihm zuckend bewegt, während er auf der Stelle tritt. Er ahnt nicht, daß er ein anderer ist, als er heute früh beim Aufstehen war; und daß er nichts mehr mit jenem Wesen gemein hat, als das er einst geboren wurde. Er verschwendet keinen Gedanken daran, daß er nicht zweimal dieselbe Straße hinuntergehen wird, und es ist ihm völlig egal, daß die Straße tatsächlich genausowenig eine Straße ist wie er selber ein Mann -in völliger Ignoranz all dieser Fakten geht, wie bereits erwähnt, ein Mann die Straße hinunter.

Nun stellt sich die Frage, was uns dieser bestimmte Mann überhaupt interessiert, wo wir doch wissen, wie es um die Aussagekraft des ersten Satzes bestellt ist: dünn nämlich. Richtiger, unangreifbarer könnte der erste Satz lauten: “Irgendetwas oder –jemand, von dem man annehmen könnte, daß es sich dabei bzw. bei ihm um einen Mann handelt, geht eventuell oder besser: imitiert auf irgendeine Art den Akt des Gehens auf einem Untergrund, den eine Straße zu nennen wir uns hüten sollten.” Doch seien wir ehrlich: selbst für eine an überraschenden und –geben wir es ruhig zu!- kaum nachvollziehbaren, ja ermüdenden Wendungen nicht arme Geschichte wie diese wäre das ein zu anstrengender Anfang. Aus diesem Grund plädieren wir hier für eine grobe, geradezu fahrlässige Vereinfachung im Interesse der Lesbarkeit:

Ein Mann geht die Straße hinunter.

Wir wissen nicht viel über ihn, und das Wenige, was wir wissen, macht ihn nicht unbedingt sympathisch: er geht die Straße hinunter. Aha, denken wir: macht es sich einfach, der Lump! Der Taugenichts! Nicht für ihn das sportliche Erklimmen der kaum merklichen Steigung; feige geht er den Weg des geringsten Widerstandes: hinunter. Man will ihn direkt ohrfeigen für diese feiste Dreistigkeit! Ist irgendwo die Rede davon, daß er sich zunächst das lässige Hinuntergehen verdient hätte- beispielsweise durch ein ehrliches Hinaufgehen? Nein. Nicht er, oho: der feine Herr!! Ist wahrscheinlich “oben” geboren, und will nun einmal schauen, was die Normalsterblichen so machen; am Ende des Weges wartet sein Fahrer, um ihn- nachdem er unter einigem Kopfschütteln sich umständlich den Schmutz der Gasse aus den Kleidern geschlagen hat- wieder zurück zu bringen in den Olymp seiner besseren Herkunft. Und schon spuckt man in Gedanken aus vor diesem unverschämten Kerl!

…jedoch, ein Rest von Zweifel bleibt. Nein, wir wollen seine “bessere” Herkunft nicht leugnen, das verbietet schon ein Blick auf die rahmengenähten Schuhe; aber bestünde nicht zumindest die Möglichkeit, daß er mit den besten Absichten unterwegs ist? Hat werweiß in der Zeitung gelesen vom grausamen Zustand der Städte, konnte kaum glauben, daß es schon so schlimm bestellt ist um die Welt, läßt das Blatt sinken und beschließt in dem Moment, hinauszugehen und Gutes zu tun. Nun geht er durch die Stadt, schaut bald da, bald dorthin, will hier eine Kirche bauen, drüben ein Krankenhaus und überhaupt die Welt verbessern. Er wußte ja nicht, wie es tatsächlich aussieht jenseits seiner Hecken! Aber nun, da er hier ist, sind ihm die Augen geöffnet und er duldet es nicht länger. Wird seine zweifellos guten Kontakte spielen lassen, um den Armen zu helfen, plant bei jedem Schritt einen Kindergarten, eine Schule- und ist die Selbstlosigkeit und Nächstenliebe in Person. Und wir? Wir schämen uns, denn wir haben uns in ihm geirrt.

Ein Mann geht die Straße hinunter.

Nichts ist so, wie es zu sein scheint.

Allein: unsere Neugier ist geweckt, und wir folgen ihm, unauffällig. Hoffen, daß er sich verrät: unsere Zweifel zerstreut, unsere Vorurteile bestätigt- doch er ist schlau. Hält sich bedeckt. Redet mit niemandem. Hat den Hut- ist es denn tatsächlich ein Hut? Wohl eher eine Mütze! – also: hat die Mütze tief ins Gesicht gezogen, man sieht kaum, wohin er wirklich blickt; doch wir folgen ihm. Verbissen. Irgendeinen Grund, denken wir, wird es schon haben, daß mit ihm der fünfte Teil beginnt… und so schleichen wir ihm hinterher und warten ab. Wird er vielleicht in eine Droschke steigen? Nun, wir könnten lauschen, welches Fahrziel er dem Fahrer zuruft. Oder kehrt er in ein Wirtshaus ein? Dann bestünde immerhin die Möglichkeit, seine Lektüre zu überprüfen, oder beim Bezahlen die Geldscheine zu begutachten. Er zahlt mit Münzen? Ein Hochstapler, oder gar ein Spion! Er hat nagelneue Scheine, die ungefaltet in der Manteltasche stecken? Mit Sicherheit ein Räuber. Doch der Mann geht unbeirrt seines Weges, bleibt nicht stehen, dreht sich nicht plötzlich um- und beginnt, uns ein wenig zu langweilen. Und eh wir uns versehen, beginnen wir zu gähnen und ertappen uns dabei, daß der Kerl uns nicht mehr interessiert. Wahrscheinlich ein völlig normaler Mensch, nicht gut, nicht böse, nur harmlos, weiß der Himmel, warum ausgerechnet mit ihm diese Geschichte beginnt. Das Einzige, was uns an ihm im Gedächtnis geblieben ist, als wir abends den anderen darüber erzählen, ist seltsamerweise dies: er roch auffallend gut.
25.11.2006, 08:41 | fu(run al Raschid) (In einem Land vor unserem Reis, Madame…)

Vielen Dank für den Hinweis von “ziege”

Einen Kommentar schreiben