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26. Juni 2010

Neuer FURT Gästebucheintrag Teil 4

NEUNUNDDREISSIG HALBWAHRHEITEN ÜBER WALTER WECZERKA
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- ein Fortsetzungsroman in einigen Teilen.
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VI
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Im Leben jedes Mannes gibt es einen Moment, in dem er die Kindheit hinter sich lässt und sich entscheiden muss, welchen Weg er nun einschlagen will: den harten, steinigen Pfad der Entsagung oder den leichten, abschüssigen Weg der Ausschweifung? Hier warten Tränen, Schweiss und Blut; dort locken Kitzel, Vergnügung und leicht verdiente Lorbeeren.
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Man muss schon ein ziemlicher Trottel sein, um sich für Ersteres zu entscheiden.
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VII
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Siebenundzwanzigstens:
Womit Walter Weczerka seinen ausschweifenden Lebenswandel finanziert, ist völlig unklar. Einer geregelten Arbeit scheint er nicht nachzugehen - wenn man von gelegentlichen Auftritten als Küster zu Barsinghausen absieht; einer Tätigkeit im Übrigen, die ihm ob seines Buckels den Spitznamen “der Glöckner von St. Barbara” eintrug. Ob Herr Weczerka, wie R. vermutet, als Heiratsschwindler oder Urkundenfälscher sein Geld verdient, konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
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Achtundzwanzigstens:
Walter Weczerka ist farbenblind.
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Neunundzwanzigstens:
In seiner Freizeit schreibt Walter Weczerka kleine Gedichte, die er dann verlegt. Seine Putzfrau ist schon stinksauer!
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Dreissigstens:
Wenn Herr Weczerka nicht gerade volltrunken in irgendeiner Ecke liegt und seinen Rausch ausschläft, rasiert er gerne stundenlang sein fliehendes Kinn. Das sind eigentlich seine zwei Lieblingsbeschäftigungen: Saufen und Rasieren. Wenns nach Walter Weczerka ginge, bräuchte man im Leben überhaupt nichts anderes zu tun; am liebsten gleichzeitig. Der spinnt doch.
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Einunddreissigstens:
Die meiste Zeit seines Tages verbringt Walter Weczerka im Automobil auf dem Weg zur Arbeit und anschliessend nach Hause ; schliesslich lebt er in Konstanz, arbeitet jedoch in Gera. Auf vorsichtige Fragen seiner Vorgesetzten, ob es nicht sinnvoller wäre, den Wohnort ein wenig näher an den Arbeitsplatz zu verlegen, reagiert er mit Unverständnis; auch sonst stellt er sich taub, sobald das Thema auf die unsinnige Entfernung zwischen diesen zwei Lebenspolen kommt. Auf der Autobahn hört er klassische Musik und schläft regelmäßig am Steuer ein.
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Zweiunddreissigstens:
Manchmal hat Walter Weczerka so ein Summen in den Ohren. Das macht ihn ganz nervös, aber er kann nichts dagegen tun. Irgendwann geht es dann wieder weg.
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Dreiunddreissigstens:
Das Schlimmste an Walter Weczerka ist seine schlampige Kleidung; ja, man kann nicht einmal wirklich von Kleidung sprechen bei den zerfetzten Lumpen, in die er sich hüllt. Seine Füße stecken oft in schlichten Plastiktüten, und auf dem Lockenkopf sitzt wie zum Hohn ein alter Chapeau-Claque. Herr Weczerkas Verkleidung ist umso trauriger, wenn man bedenkt, daß sich darunter ein wahrer Adoniskörper verbirgt; noch im Jahre 2004 wurde Walter Weczerka immerhin Zweiter beim Wettbewerb zum Mister Universum von Suhl.
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Vierunddreissigstens:
Als Marathonläufer und Völkerballspieler hat Walter Weczerka es schon recht weit gebracht, aber erst sein sensationeller Olympiasieg im Stabhochsprung hat ihn, den ewigen Aussenseiter, einer begeisterten Weltöffentlichkeit vorgestellt.
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Fünfunddreissigstens:
Wenn Herr Walter Weczerka sich vor einen Spiegel stellt, ist darin kein Spiegelbild erkennbar. Das liegt aber nur daran, daß er immer ganz ganz dicht davor steht, der Schwachkopf.
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Sechsunddreissigstens:
Walter Weczerka kommt ständig und überall zu spät. Verabredet man sich um vier mit ihm, kommt er um halb acht; will man ihn an einem Freitag treffen, erscheint er am darauffolgenden Dienstag. Einmal - in Ludwigshafen - verspätete Herr Weczerka sich um einen vollen Monat! Er weigert sich dennoch standhaft, eine Uhr zu tragen: brauch ich nicht, sagt er.
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Siebenunddreissigstens:
Auf seinem täglichen Spaziergang von Höxter nach Detmold traf Walter Weczerka einst ein junges Mädchen, was auf dem Bürgersteig saß und bitterlich weinte. Er ging dann so um sie rum.
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Achtunddreissigstens:
Genau elfmal besuchte Walter Weczerka den Angelverein von Zörbig, dann hatte er keine Lust mehr; und die Fische taten ihm auch leid.
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Neununddreissigstens:
Walter Weczerka ist ein mutiger Mann. Er fürchtet weder Gewitter noch wilde Tiere; er ist schwindelfrei und geht selbst in finstersten Neumondnächten noch allein im Wald spazieren. Zahnarztbesuche, Geisterbahnen und Wirtshausschlägereien schrecken ihn nicht, Untote ebensowenig. Der Einzige, vor dem Walter Weczerka wahrhaftig Angst hat, ist der gefährlichste Mensch der Welt: Dieter Wermel.
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VIII
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Zusammenfassend kann angemerkt werden, daß Walter Weczerka zwar offensichtlich Schuld ist - die eingangs bereits erwähnte verschobene Aufführung der Jupiter - Symphonie in Kerpen besipielsweise geht mit Sicherheit auf sein Konto - die generelle Schurkigkeit jedoch, die ihm so oft unterstellt wird, läßt sich letztlich nicht schlüssig beweisen. Was das Rätsel um die verschwundenen Schafe von Schwielow angeht oder die Angelegenheit mit den fünf Schnüren, die zu grünen Türen führen, so verlieren sich die Ursprünge dieser Geschichten im Dunkel der allgemeinen Erinnerung, sind zu selbstperpetuierenden Alltagsmythen geworden.
- Und wir, wir müssen weiterleben im Schatten des Mythos von Walter Weczerka.
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Nachwort
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Die volle Wahrheit über Walter Weczerka niederzuschreiben scheint mir nun, nachdem ich es versucht habe, ebenso unmöglich wie eine Landkarte zu malen, die das gesamte Königreich abbildet (”The map is not the territory”, A. Korzybski). Herr Weczerka entzieht sich auf unerklärliche Weise jeder detaillierten Beschreibung; scheinbar solide Fakten lösen sich bei näherer Betrachtung in Nichts auf, schlüssige Annahmen verkehren sich in ihr Gegenteil. Ich habe dennoch unter diesen schwierigen Umständen mein Bestes gegeben.
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Vielleicht war das Unternehmen von vornherein zum Scheitern verurteilt, vielleicht muss ein Anderer, Besserer kommen und das Bild, was wir von Walter Weczerka haben, korrigieren und komplettieren. In der Zwischenzeit scheint es mir dringender geboten, sich mit dem gefährlichsten Menschen der Welt auseinanderzusetzen: Dieter Wermel.
26.06.2010, 17:13 | fu(nde gut, alles gut…?)

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